Entstehungsgeschichte

Ein siebtes Kind: die Stiftung

Den Anfang bildete ein gemeinsamer Spaziergang von Cornelie und mir in der Nähe unsere damals in Lindau-Reutin gelegenen Wohnhauses. Damals hatten wir schon die Erfahrung der Studentenrevolte von 1968 hinter uns, sozusagen den Versuch einer deutschen Perestrojka. Dieser Versuch war zwar im Ganzen gescheitert, aber nicht ohne nachhaltige Wirkung in einzelnen Lebensbereichen geblieben. Dazu gehört vor allem das weite Feld des Erziehungswesens, für das beide Lindemanns seit jeher großes Interesse gehabt hatten.

Die Neigung zu gemeinnütziger Tätigkeit war uns beiden auf dem Lebensweg mitgegeben worden und entsprach zumal bei Cornelie einer Familientradition; so war ihr Großvater Johann Volkmann in Bremen viele Jahre Vorsitzender der Inneren Mission. Seine Richtschnur war der von seiner Enkelin gerne zitierte Bibelspruch: „Wohlzutun und mitzuteilen vergesset nicht.“ Dennoch gaben wohl eher unsere privaten Lebensumstände und unser bereits beschriebenes Interesse an der Pädagogik im Allgemeinen und einzelnen Projekten im Besonderen den Ausschlag. Der pädagogischen Fachdebatte jener Jahre folgend beschlossen wir, bereits im vorschulischen Alter etwas für die Chancengleichheit insbesondere sozial benachteiligter Kinder zu tun. Die wichtigste Frucht unseres Gespräch war die Gründung des „Vereins für vorschulische Erziehung e. V.“ in Lindau. Dort waren heimatlose oder sonst bedürftige Familien untergebracht, deren Kinder mit unschöner Regelmäßigkeit allein auf Grund ihrer Wohnung diskriminiert und von den zuständigen Stellen der Sonderschule zugewiesen wurden.

Ein Spielkreis – einen Kindergarten konnten wir aus rechtlichen Gründen nicht errichten – schien die schnellstmögliche Antwort auf dort herrschende Bedürfnisse zu sein. Die Aufsicht führten freiwillige Eltern, die teilweise ihre eigenen Kinder dorthin mitbrachten. Das alles hatte den schönen Schwung eines jungen Unternehmens, stieß aber auf praktische Schwierigkeiten, als die freiwillige Mitarbeit unserer Mitglieder zu erlahmen begann. Wir brauchten mindestens eine hauptberufliche Erzieherin – uns damit stellte sich die Geldfrage. Hier bahnte sich das an, was unser jüngster Sohn Florian „das siebte Kind“ seiner Eltern genannt hat, nämlich eine Stiftung. Die Möglichkeit dazu lieferte Cornelies Erbschaft, eben die Firma in Bremen, die Delsack Betriebe Volkmann & Co., deren Leitung mir mein Schwiegervater in den 50ger Jahren mehrfach angetragen hatte. Immerhin hatte ich mich nach dem Tod von Wilhelm Volkmann doch lange Jahre in einer aufsichtsratsähnlichen Stellung um das Wohlergehen der Firma gekümmert. Da ich in meinem Beruf als Journalist in ausreichendem Umfang für den Unterhalt der Familie sorgen konnte, beschlossen wir mit Einverständnis unserer Kinder, Cornelies Erbschaft und meine Kommanditanteile in eine Stiftung einzubringen. Seither ist die Lindenstiftung mit über 70 % am Gewinn der Delsack beteiligt. Zusätzlich übertrugen wir der Stiftung die Eigentumsrechte an dem sehr wertvollen Betriebsgrundstück. Da die Firma zwar nicht groß ist, aber auf einer soliden Basis beruht, ist der Stiftung seit ihrer Gründung eine fruchtbare Tätigkeit möglich gewesen. Sie kam im Herbst 1972 unter tatkräftiger Beihilfe unseres Freundes Thorwald Risler zu Stande, der als Generalsekretär des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft uns ein wichtiger und hilfreicher Partner war. Die Lindenstiftung für vorschulische Erziehung hat natürlich mit den großen Stiftungen (VW, Bosch usw.) nicht viel mehr als die Gattungsbezeichnung gemeinsam. Bestimmung solcher kleiner Stiftungen ist ja nicht die andauernde Finanzierung irgendwelcher Unternehmungen. Sie sollen vielmehr Anstöße geben, um dann die dauernde Unterstützung durch die öffentliche Hand oder anderer finanzkräftiger Einrichtungen zu ermöglichen.

Die Lindenstiftung wirkt heute weit über Lindau hinaus und hat sogar internationale Beziehungen geschaffen. Inhaltlich besteht das Schwergewicht ihrer Arbeit nach wie vor darin, für sozial benachteiligte Kinder bessere Chancen zu schaffen und wegweisende Initiativen sowie pädagogische Modellprojekte für Kinder bis zu zwölf Jahren zu fördern. In beidem kann die Lindenstiftung nicht mehr tun als das, was meistens Sinn und Aufgabe privater Stiftungen ist: Anstöße geben, Wegbereiter sein und andere, die mehr Mittel zur Verfügung haben, zu deren Einsatz veranlassen. Cornelie und ich sahen in ihr bis zuletzt eine sinnvolle Ausfüllung unserer späten Jahre.

(aus: Helmut Lindemann: Die Arbeit des Publizisten. Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn 2001)